Unter Berufsorientierung im allgemeinen versteht man den Prozess der Begleitung von Jugendlichen bei der Suche nach einem individuell passenden Berufsbild bis hin zum Erwerb selbständiger Entscheidungskompetenz. Diesen Prozess kann man als Interaktionsvorgang eines Individuums inklusive seiner persönlichen Verhaltensmuster und dem Kontakt mit seiner Umwelt mit all ihren Einflüssen verstehen. Die Entscheidung für Arbeit und Beruf sollte immer im Zusammenhang mit der gesamten Lebensplanung stehen; dies schließt auch den Anspruch mit ein, dass die Jugendlichen als „ganze Person“ im Berufsleben gesehen und gefördert werden sollten.
Der Wechsel von der Schule ins Berufsleben stellt für Jugendliche oft einen Ernüchterungsprozess dar, da die Zugangsvoraussetzungen zum Arbeitsmarkt in einigen Fällen doch sehr eingeschränkt sind. Dies trifft vor allem auf solche junge Menschen zu, die aufgrund einer sozialen, kognitiv/ schulischen, physischen/psychischen Benachteiligung hohe Vermittlungshindernisse aufweisen, weiters auf Mädchen, die in einer von Männern dominierten Ausbildungsschiene Fuß fassen wollen und auf Jugendliche, die aufgrund ihrer Herkunft (MigrantInnen) mitbedingt durch das Ausländerbeschäftigungsgesetz bzw. dem Zusammenwirken der Fremdenrechte insgesamt massiven Zugangsbeschränkungen zum Arbeitsmarkt ausgesetzt sind. Lebenswünsche und die Wirklichkeit klaffen hier oft weit auseinander, nicht zuletzt aber auch durch eine Veränderung der betrieblichen Ausbildungsbereitschaft im Kontext der Lehrlingsausbildung. Die Berufsorientierung muss sich diesen Widersprüchen bewusst sein und sollte dem Anspruch einer prozessorientierten, persönlichkeitsbildenden und inhaltsbezogenen Arbeit erfüllen.
Ausgehend von den Wünschen, beruflichen und/oder schulischen Vorerfahrungen des/r Jugendlichen bildet das Erarbeiten von individuell stimmigen, zugleich realisierbaren Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten die Basis für eine sinn- und lustvolle Orientierung am Bildungssektor bzw. Arbeitsmarkt.
Bei Jugendlichen ohne klare Berufswünsche können mittels verschiedener Testverfahren und didaktischer Methoden (Erkundung der Arbeitswelt, Reflexion der individuellen Erwartungen und Vorstellungen etc.) die persönlichen Neigungen und Begabungen erhoben werden. Ein Überblick über Berufsfelder, die dem Interessens- und Begabungsprofil des/r jeweiligen Jugendlichen entsprechen, wird erstellt und berufskundliche Informationen zu einzelnen Tätigkeitsfeldern, Ausbildungsmöglichkeiten und zur Arbeitsmarktsituation werden behandelt. Im Prozeß der ständigen Abstimmung zwischen persönlichen Erwartungen, Begabungen und der aktuellen Arbeitsmarktsituation werden konkrete berufliche Zielvorstellungen herausgearbeitet, aber auch Umsetzungswege in Hinblick auf eine Realisierung in den Arbeitsmarkt konkretisiert. Im Falle einer „Neuorientierung“ geht es darum, diejenigen KlientInnen zu unterstützen, die eine Weiterbildung oder Umschulung anstreben. Basierend auf den oben beschriebenen Vorarbeiten werden mehrere Ausbildungsalternativen entwickelt.
Die geringe Bereitschaft von Firmen, Lehrlinge auszubilden bzw. aufzunehmen, geht nicht nur auf die Kosten der Jugend sondern langfristig auch auf die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe. Flexibilität darf sich nicht nur darauf beschränken, dass sich ArbeitnehmerInnen den geänderten Arbeitswelten anpassen; vielmehr ist ua. die Wirtschaft gefordert, innerhalb der Lehrausbildung völlig neue und unkonventionelle Ausbildungswege für alle Jugendlichen zu schaffen. Dies bedingt eine Flexibilisierung des Lehrausbildungssystems durch beispielsweise Einrichtung von Brücken zwischen Lehrberufen, vor allem aber durch eine stärkere Verschränkung mit der beruflichen Aus- und Weiterbildung.
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